KUNSTBERATUNG

 

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ABSTRACTION AND STRUCTURE

Gruppenausstellung mit Werken von:

 

Ian Davenport, Katharina Grosse, Joanne Greenbaum, Frank Nitsche, Albrecht Schnider, Esther Stocker

6. Mai bis 31. Juli 2010

 

 

 

Abstraktion ist ein Phänomen, unter dem zunächst eine Reduktion der komplexen Wirklichkeit verstanden wird: Vereinfachen, Systematisieren einerseits, Lokalisieren des

Prototypen unter derVielfalt von Erscheinungen andererseits. Abstrahieren ist ein wichtiges Verfahren, um neues Wissen zu erzeugen, es darzustellen und zu vermitteln.

Abstraktion stellt sich zum Beispiel durch den makroskopischen oder denmikroskopischen Blick ein – zwei Modelle des Sehens, die für die Auflösung dersichtbaren Welt

etwa in Muster, in Strukturen stehen. Abstraktion begleitetauch die Geschichte moderner Wahrnehmung und moderner Technologien. Neue Wahrnehmungsmodi, ausgelöst

durch wissenschaftliche Erkenntnisse und neue Medientechnologien beeinflussen bis in den Alltag hinein unserenWirklichkeitsbezug.

 

Bei der Reflexion über Wahrnehmung wird deutlich, dass wir immer versuchen, das Gesehene auf uns bekannte Formen und Strukturen, auf unsere "vorgefassten" visuellen

Erfahrungen zurückzuführen. "Abstraktes Sehen" überhaupt muss ersterlernt werden. Etwas als Struktur oder nur als Form stehen zu lassen, fälltuns schwer – es sei denn, wir

sehen ein Kunstwerk unabhängig von derbeschreibenden Funktion, unabhängig von Repräsentation, uneingeschränkt autonomin seiner Wirkung von Farbe und Form. Das

Vermeiden klar erkennbarer Struktur – etwa im Informel, oder von Anklängen an das Gegenständliche in denkonstruierten, auf Form und Linie basierenden Werken formal

abstrakter Kunst –zeugt vom Versuch, eine Objektivierung zu erreichen. Allerdings gilt auch: AlsKonkretion betrachtet, ist jede Malerei ein abstraktes Gebilde und Wirklichkeit

zugleich.

 

Abstraktion ist auch ein Schlüsselphänomen in der heutigen Kunstpraxis. War der Fokus zu Beginn der abstrakten Malerei noch auf die Wahrnehmungsveränderung gelegt,

ist sie heuteein grundlegender Parameter, mit dem oder gegen den die wissenschaftliche undästhetische Argumentation organisiert ist. Nach der Rückkehr des Figurativen

in der Kunst ab 1960 ist Abstraktion in erster Linie eine Methode, die auf derpraktischen Ebene zur Ausdruckskraft, auf der theoretischen Ebene(n) zurreflexiven

Auseinandersetzung verhilft. Der erneute Rückgriff auf Strategien der Erzählung in der figurativen Malerei ist jedoch kein Schritt hinter dieAbstraktion zurück. Vielmehr ist für

die heutige künstlerische Praxis das Verhältnisvon Abstraktion und Figuration wichtig, denn daraus entwickelt sich einproduktives Spannungsverhältnis.

 

 

Ian Davenport wurde 1966 in London geboren. Seine Malereien entstehen in einemrepetitiven und formalen Prozess, einem wissenschaftlichen Experimentvergleichbar.

Meist lässt er mit einer Spritze applizierte Farbe über schräggestellte Flächen von der oberen Kante nach unten fliessen. Das Resultat sindintensiv farbige Streifenbilder,

angereichert durch einige Ausreißer der rinnenden Farbe, die zufällig durch minimale Unregelmäßigkeiten in der Oberfläche desUntergrundes verursacht werden.

 

Joanne Greenbaum, 1953 geboren in New York, schafft Bildgefüge einerseitsdurch streng formale Konstrukte und andererseits durch unbeschwerte malerische Gesten,

die sich in einem vielschichtigen komplexen Bildraum verschränken. Wieauf verschiedenen Ebenen liegend, treffen geometrische und organische Formenaufeinander,

geraten in Widerstreit und erscheinen doch systematischmiteinander verwoben.

 

Katharina Grosse, geboren 1961 in Freiburg im Breisgau, arbeitet mit Spritzpistole und Pinsel. Ihre Malgründe sind aufgespannte Leinwände, Aluminiumtafeln und

grossformatige Papierbahnen, von denen die sinnliche Wirkung der Farbe und ihrerzählerischen Gehalt bestimmt werden. In anarchischem Verzicht auf geordnete

kompositorische Strukturen schafft sie eine vom Experiment bestimmte, autonomeMalerei.

 

Frank Nitsche, 1964 in Görlitz geboren, spielt an der Grenze der abstrakten Form mitStrukturen, die Erinnerung zitieren. Bilder aus Zeitschriften und Magazinen nutzt er

als Archiv, als Inspirationsquelle für seine abstrakten Arbeiten. Übersetzt in seine Formensprache sind sie nicht mehr eindeutig dechiffrierbar.So bleiben die Bilder höchst

suggestiv und es ist dem Betrachter überlassen siezu deuten.

 

Die Bilder von Albrecht Schnider, geboren 1958 in Luzern,muten wie zufällige Ausschnitte auseinandergefalteter Flächen an, die sichkaleidoskopartig über den Bildrand

hinaus ausweiten könnten. Die präzis gemaltenBinnenränder und der Einsatz der Metallfarben Gold, Silber und Bronzevermitteln den Eindruck, als ob man vor industriell

gefertigten Mustern stehenwürde. Alles Persönliche, Handschriftliche und Verweisende ist aus den Bildernverbannt.

 

Die Gemälde von Esther Stocker, geboren 1974 in Schlanders,Südtirol, sind meist rasterhaft aufgebaute geometrische Muster, in schwarz undweiß oder Grautönen gehalten.

Minimale Eingriffe, die sich wie Bildstörungeneines sich zu langsam aufbauenden Bildschirmes ins Blickfeld schieben,verunsichern die Klarheit der benutzten geometrischen

Formen. Esther Stockergelingt es so mit einfachsten Mitteln, Ordnungs-, Raum- und Malereivorstellungen aufzubrechen.